Gesta Romanorum oder Die Taten der Römer, 141. Kapitel: Guter Rat ist teuer - bitedition.net

bitedition.net

Warenkorb anschauen € 0.00

E-Books im Format PDF, die mit Android, Apple und  Windows kompatibel sind und in jedem Computer, Notebook oder Tablet gelesen werden können.

Gesta Romanorum oder Die Taten der Römer

Guter Rat ist teuer

aus
Gesta Romanorum oder Die Taten der Römer,
dem ältesten Märchen- und Sagenbuch des christlichen Mittelalters

Einst lebte der König Fulgentius, in dessen Reich ein Ritter namens Zedechias sich befand, der sich eine schöne Frau nahm, die aber nicht sehr klug war. In seinem Haus wohnte in einem Gemach auch eine Schlange.

Der Ritter aber besuchte Turniere und Lanzenrennen so lange, bis er in die äußerste Bedürftigkeit geriet. Nunmehr aber weinte er bitterlich und lief wie verzweifelt bald hier bald dort hin, da er nicht wusste, was er anfangen sollte. Wie aber die Schlange seinen Schmerz bemerkte, da bekam sie das Vermögen zu reden, wie einst die Eselin Bileams, und sprach: „Warum weinst Du? Tu, was ich dir sage und du wirst es nachher nicht bereuen: Gib mir jeden Tag süße Milch und ich will dich reich machen.“ Wie das der Ritter hörte, freute er sich sehr und versprach dieses getreulich erfüllen zu wollen. Alsbald ward er in kurzer Zeit sehr reich und bekam schöne Kinder und großen Reichtum.

Da geschah es aber eines Tages, dass seine Frau zu ihm sagte: „Herr, ich glaube, dass jene Schlange in dem Gemach, worin sie liegt, viele Güter besitz. Ich rate sie zu töten und wir werden ihre Schätze bekommen. Er hörte auf den Rat seiner Frau und brachte zusammen mit dem Milchtopf einen Hammer mit sich, um die Schlange bei ihrem Milchtopf zu erschlagen. Wie nun die Schlange den Milchtopf sah, steckte sie ihren Kopf aus einem Loch des Gemaches heraus, um nach ihrer Gewohnheit die Milch zu lecken. Als der Ritter sie dabei sah, hob er den Hammer und wollte damit die Schlange erschlagen, aber diese sah es im letzten Moment, zog den Kopf zurück und der Hieb traf den Milchtopf. Kurz darauf verlor der Ritter alles, was er besessen hatte und seine Frau sagte zu ihm: „O weh, ich habe Dir einen schlimmen Rat gegeben, geh also zu dem Loch der Schlange und demütige dich in allem vor ihr, ob du nicht vielleicht bei ihr Gnade finden kannst.“

Der Ritter machte sich also nach dem Gemach der Schlange auf und weinte bitterlich und bat sie um Gnade, damit er durch sie, wie früher, reich werden könne. Die Schlange aber sprach zu ihm: „Jetzt sehe ich, wie dumm Du bist und dass Du auch dumm bleiben wirst, denn es ist unmöglich, dass nicht jener Hammerschlag mir öfters ins Gedächtnis kommt, und es Dir einfällt, wie ich Deine Kinder getötet und Deinen Reichtum genommen habe. Darum kann kein wahrhafter Friede zwischen uns bestehen.“

Da wurde der Ritter sehr traurig und sagte: „Ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich nie etwas gegen dich verüben will, wenn ich nur deine Gunst wieder erhalten kann. Hierauf antwortete ihm die Schlange: „Mein Lieber, die Natur der Schlange ist die Verschlagenheit und meine Worte voll von Gift müssen dir genug sein, denn eben fällt mir der Schlag mit dem Hammer und deine Nichtswürdigkeit ein, verschwinde, damit dir nicht noch ein größeres Unglück zu Teil wird.“

Der Ritter entfernte sich mit großen Schmerzen von ihr und sagte zu seiner Frau: „Weh mir, dass ich deinem Rat gefolgt bin. Und so verbrachten sie nunmehr ihr Leben in beständiger Armut.

Quellenangabe:
Gesta Romanorum oder Die Taten der Römer,
dem ältesten Märchen- und Sagenbuch des christlichen Mittelalters, II, 141. Kap.
1842 von Dr. Johann Georg Theodor Grässe aus dem Lateinischen übersetzt.
Leicht überarbeitet, an die heutige Rechtschreibung angepasst, ohne Moralisationen.
Copyright: Gemeinfrei.

Bezahlen Sie in aller Sicherheit per Kreditkarte oder mit Ihrem PayPal-Konto.

Warenkorb anschauen
 € 0.00